Mit Lastenrädern von Hamburg nach Windischgarsten

Lass dich nicht unterkriegen,
sei frech und wild und wunderbar.

Astrid Lindgren

Sobald wir Windischgarsten erreicht haben, wollen wir in dieser prächtigen Blumenwiese unsere Arme ausbreiten und lächelnd zum Himmel blicken. Hinter uns werden dann 4-6 abenteuerliche Wochen auf Lastenrädern liegen und unsere Töchter und wir werden einzigartige Erfahrungen gemacht & Erlebnisse gesammelt haben. Selbst in diesen Zeiten bedarf es nicht mehr als etwas Kreativität, einer Prise Entdeckergeist und der richtigen Ausrüstung, um ein echtes Abenteuer direkt vor der Haustür zu erleben. Habt ihr Lust uns dabei zu begleiten?

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Credit: Harald Illmer, hifoto.at

Wir werden voraussichtlich am 13. Juni 2021 vor unserer Haustür in Hamburg starten und erst einmal ein kleines Stück die Elbe flussaufwärts fahren. Ausgestattet mit zwei Bakfiets Lastenrädern, ohne E-Unterstützung, aber mit ganz viel Unterstützung durch Globetrotter & ORTLIEB, wollen wir täglich um die 0-50 km abspulen und kreuz und quer durch Deutschland und Österreich radeln. Inga übernimmt die Inneneinrichtung für eines der Räder und erschafft so für Rosalie und Smilla ein fahrendes Kinderzimmer. Wir wollen uns von unserer Lust und Laune und unseren Töchtern leiten lassen und täglich aufs Neue entscheiden, bis wohin (oder gar nicht) wir heute fahren. Das hat in der Vorbereitung dazu geführt, dass wir unsere Route nur grob geplant haben und um ganz ehrlich zu sein, stecken wir noch mittendrin. Unterkünfte werden demnach auch nicht im Vorhinein organisiert oder Campingplätze reserviert. Zwischen Start und Ziel liegen ca. 1000km, die wir vor allem auf Radwegen und Schotterpisten abseits der vielbefahrenen Straßen absolvieren wollen.

Unser Familienzelt schlagen wir auf Campingplätzen oder in den Gärten von Gleichgesinnten auf. Das ein oder andere Mal fragen wir auch bei einem Bauern nach, ob wir nicht auf seinem Feld, im Stall oder auf dem Heuboden übernachten dürfen. Rosalies kleines Woom Fahrrad kommt ebenfalls mit, es wird am Lastenrad festgezurrt und sie kann damit so viel sie mag selber fahren. Mit weit geöffneten Augen und einer neugierigen Nase lassen wir uns durchs Land treiben, genießen dabei die Sonne und den Fahrtwind und sind gespannt auf die Abenteuer, die auf uns zukommen mögen. Oma, Opa und unzählige Tanten, Onkel, Cousinen/Cousins sollen uns schließlich Mitte Juli in Windischgarsten, genauer gesagt Rading, in Empfang nehmen.

Inspiration

Opa Tauni ist ein geradliniger Mensch, nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch im wortwörtlichen. Im Juni 2018 beschloss er uns in Hamburg besuchen zu kommen, natürlich mit dem Fahrrad. Da es auch aus dieser Richtung 1000km sind und er die kostbare Fahrzeit nicht mit Umwegen über verkehrsberuhigte Radwege verplempern wollte, griff er sich ein Lineal und malte eine schnurgerade Linie zwischen Windischgarsten und Hamburg in einen alten Autoatlas (Maßstab etwa 1:800 000!). Entlang dieser Luftlinie wollte er in den Norden radeln und so alles Unwichtige beiseite lassen. Lokale Sehenswürdigkeiten zum Beispiel, die man erkunden könnte, wenn man stehenbleiben würde. Über die Relevanz vieler provinzieller Sehenswürdigkeiten lässt sich tatsächlich vorzüglich streiten, weist doch mittlerweile jedes Kaff stolz auf Überreste irgendwelcher frühgotischer Mauern hin. Selbst wenn davon heute nur noch ein zart bewachsener Hügel übrig ist. Ich pflichte Opa Tauni also bei wenn er sagt, dass bei vielen selbsternannten Sehenswürdigkeiten gemütliche Bänke nur deswegen fehlen, weil es schlichtweg viel zu gefährlich wäre, dass ständig Besucher einnicken, vorne überkippen und sich das Gesicht aufschürfen.

Ich schweife ab.

Am fünften Tag kam er in Hamburg an. Manchmal, wenn eine Straße die er genommen hatte doch zu stark befahren war, fluchte er und trat noch stärker in die Pedale. Im Großen und Ganzen blieb er seiner Linie treu und schien nicht unzufrieden mit der gewählten Strecke. Ich musste ihn überreden, doch wenigstens noch eine zweite Nacht hier bei uns zu verbringen, aber selbst die Hamburger Sehenswürdigkeiten sind für ihn so relevant wie die Martin-Luther-Kirche in Travenbrück. Es brannte ihm bereits wieder in den Beinen und er musste los. Soweit ich weiß, ist er auch auf dem Heimweg nicht sehr stark von seiner Linie abgewichen und nach insgesamt 10 Tagen und 2000km war er wieder in Windischgarsten. 

Motivation

Die Idee zu dieser Reise kam uns kurz nachdem wir unser erstes Bakfiets im Sommer 2019 kauften. Wir sind gerne draußen und lieben das Reisen, so sind wir schon einmal zu Fuß von Hamburg nach Meppen gewandert, haben mehrere Wochen in Andalusien verbracht, waren in Thailand oder sind auf dem Motorrad bis nach Murmansk gefahren. An der Idee zu dieser Reise haben uns mehrere Aspekt gefallen:

  • Die besten Abenteuer beginnen oft dort, wo man sie nicht vermuten würde. Vor der eigenen Haustür zum Beispiel.
  • Alles, womit wir unsere Räder beladen, nehmen wir wieder mit nach Hause. Unsere Reise startet an unserem Wohnort, leichtfüßig sparen wir so eine Menge CO2 ein und lernen Deutschland & Österreich noch besser kennen.
  • Wir wollen unseren Töchtern zeigen, dass es sich lohnt neugierig zu sein, bekanntes Terrain zu verlassen und sich auf Neues einzulassen. Wir wollen mündige Menschen heranwachsen sehen, die mutig Entscheidungen treffen und ihre Heimat(en) immer im Herzen behalten.
  • Einfachheit; gerade in diesen Zeiten von Corona und der vielen Einschränkungen. Wir wollen uns selbst und vielleicht der ein oder anderen Person, die das hier liest, Mut machen und inspirieren: Es  lohnt sich immer, die Hände fest an der eigenen ‚Lebens-Lenkstange‘ zu haben, besonders auf holprigen Pisten.

Darüber hinaus freuen wir uns am meisten auf die gemeinsame Zeit als Familie in der Natur. Auf die viele Lagerfeuer, auf das Baden in Seen, auf keinen Fernseher, auf das endlose Zelt Auf- und Abbauen, auf das mit dem Gaskocher Kochen und Schokoriegel zum Frühstück essen (ok, nicht zu oft). Wir freuen uns darauf, den Elementen ausgesetzt zu sein und Wind, Sonne und Regen am ganzen Körper zu spüren. Da sich zwischen uns und der Umgebung keine Windschutzscheibe befindet, freuen wir uns auf die vielen Begegnungen ohne Berührungsängste. Wir empfinden es nicht als eine große Herausforderung, eher als ein Geschenk & großes Glück, dass wir dieses gemäßigte Abenteuer, mit Luft für Überraschungen und Unwägbarkeiten, gemeinsam erleben dürfen. Neben dem ‘in die Pedale treten’, ist die Langsamkeit des Reisens vermutlich die eigentliche Schwierigkeit. Ehe man sich versieht, beginnt man doch wieder Kilometer zu zählen, Fahrziele abzuwägen und tendiert schnell zu einer höheren Reisegeschwindigkeit. Hier setzen wir ganz auf Rosalie & Smilla als unser Korrektiv zur Verlangsamung. Wir haben sechs Wochen Zeit und diese Zeit wollen wir mit Erinnerungen füllen, die uns und unsere Töchter ein Leben lang begleiten.


Die neuesten Blogbeiträge

  • Aufbruchsstimmung
    Nach der Reise ist vor der Reise und so handelt dieses unvollständige Resümee leider nicht von Löwen und Leoparden, sondern von Tipps und Tricks, wie man vielleicht sein eigenes kleines Abenteuer gestalten könnte. Die Mädchen würden gerne Großkatzen sehen und ich muss kleinlaut zugeben, dass ich auf unserer Lastenradreise damit nicht dienen konnte. Gefallen hat es ihnen dennoch und ich kann trotzdem schonmal recherchieren, ob es irgendwo in Afrika holländische Campingplätze gibt.
  • Momentaufnahmen
    Seit ein paar Tagen sind wir jetzt an unserem Ziel in Windischgarsten angekommen und wurden sehr herzlich von der Familie empfangen. Nur sehr langsam lässt mein Oberschenkelmuskelkater nach. Meine Beine fühlen sich so an, wie die von Hermann Maier 1998 in Nagano, nachdem er seinen brachialen Sturz in der Abfahrt abgefedert hatte. Defacto hatte ich mehr Reisetage mit Muskelkater, als Tage ohne. Ich bewege deshalb aktuell wieder mehr meine Finger und möchte euch an verschiedenen Reisemomenten teilhaben lassen.
  • Impressionen
    Die Hälfte der Strecke liegt bereits hinter uns und wir sind kurz davor, die europäische Wasserscheide zwischen Nordsee und Schwarzem Meer zu passieren. Schöne Momente, eindrucksvolle Landschaften, nette Begegnungen und volle Windeln begleiteten uns bisher auf diesem Weg. Die Tage sind intensiv und etappenweise auch sehr kräfteraubend. Mit diesem Beitrag wollen wir euch einen kleinen Eindruck von der Vielfältigkeit, unserer ersten Reisehälfte verschaffen.
  • Wir stechen in See
    Alles wurde gesagt und noch viel mehr gepackt, jetzt kommt es auf uns und unser Material an. Wie sich herausstellt, haben wir uns dabei unprofessioneller als Kevin Pannewitz angestellt und so schicken wir nach einer Woche 28kg Gepäck zurück nach Hamburg und setzen unsere Reise leichtgewichtig fort in Richtung Brandenburg.
  • Warum Piratenschwestern?
    Hamburger*innen haben so ihre Probleme damit, den österreichischen vom schweizerdeutschen Dialekt zu unterscheiden. Für sie ist alles südlich der Elbe Norditalien und trägt man Lederhosen, kommt man aus Bayern. Bayern wiederum entspricht ebenfalls der Fläche von Norditalien. Diese Stereotypen bieten den optimalen Nährboden, für die aufsässigen Ideen hinter den Piratenschwestern.
  • Testfahrt
    Vom 30.05 – 31.05 verbrachten wir unsere erste Nacht im Zelt, bei Camping ‚Tante Henni‘ in Hasloh. Wir wollten Mensch und Material testen um herauszufinden, ob unser Unterfangen nicht einem kompletten Himmelfahrtskommando gleicht. Gute Nachricht: das tut es nicht!