Smilla Smutje

Gerade ein Jahr alt geworden sticht sie mit uns in See. Pottwal kommt auch mit. Pottwal ist ein von der Oma selbstgestrickter Hase und überragt unsere Kleine um ein paar Zentimeter. Ich bin von dieser Besatzung nicht so ganz überzeugt, verfügen wir doch nur über begrenzte Ladekapazitäten. „Potzblitz!“ höre ich ihn nur blubbern und mache ihm eine große Fahrradtasche frei.

Wir haben einen großen Innenhof. Mit einer Sandkiste, Schaukel, Trampolin, einer Tischtennisplatte, alten Pappeln und ganz viel grüner Wiese. Ein kleines Paradies für unsere und auch für die Nachbarskinder. Meist geht es drunter und drüber und die Szenerie erinnert an einen wilden Ameisenhaufen. Die Kinder toben durch die Gegend, fahren Schlitten, spielen, weinen, schreien, lachen und es wird gegessen. Und zwar reichlich und immer am liebsten das der anderen und meist kurz vorm eigenen Abendessen. Dazwischen stehen die Erwachsenen mit Kaffee, unterhalten sich oder schrauben an diversen Bullis, Motorrädern oder Fahrrädern herum. Man kann das als eine kleine Oase inmitten des Jogginhosencharmes von Altona betrachten.

Seit einiger Zeit bewegt sich auch Smilla recht selbstsicher durch diesen Haufen. Sie ist vor kurzem ein Jahr alt geworden und entdeckt gerade die praktischen Eigenschaften ihrer Beine. Unerschrocken versucht sie überall drauf oder rein zu klettern, steckt sich so ziemlich alles in den Mund und gibt es nur widerwillig wieder her. Smilla Smutje befindet sich aktuell in ihrer Entdeckungsphase und es macht Spaß zuzusehen, wie sie sich der Welt nähert, sie ertastet und erschmeckt. Auch wenn es Sand ist, frei nach dem Motto: ‚Knirscht nicht – schmeckt nicht‘.

Neben Rosalie wird sie als eher ruhig und zurückhaltend wahrgenommen. Aber der Schein trügt und sie wird regelmäßig unterschätzt, von uns eingeschlossen. Wie selbstverständlich hat sie vor einiger Zeit begonnen, unser innerhöfisches Kleinod zu verlassen und den Stadtteil auf eigene Faust zu erkunden. Schnellen Zwergenschrittes marschiert sie durch die Einfahrt und vor ihr öffnet sich die Welt da draußen. Ganz alleine stapft sie drauf los und es wirkt, als wüsste sie ganz genau, wo sie hin möchte. Sie läuft links die Straße runter und an der nächsten Ecke biegt sie gleich wieder ab. Sie blickt nicht zurück und läuft weiter. Ich will herausfinden, wo genau ihr Ziel liegt und marschiere unauffällig hinter ihr her. Dabei stelle ich mir vor, wie sie wie von Geisterhand und einer inneren Neugierde in die große weite Welt hinaus manövriert wird, um sie kennenzulernen. Vielleicht wird aus ihr mal eine moderne Entdeckerin und sie knöpft sich die 10.000 noch nicht bewohnten Inseln von Indonesien vor. Unglaublich eigentlich, ein Leben reicht noch nicht einmal aus, um wenigstens alle Inseln dieses einen Landes zu erkunden, ganz zu schweigen von all den anderen Ländern dieser wunderbaren Erde. Die laute Glocke eines vorbeifahrenden Autos holt mich aus meinem Tagtraum – der Eiswagen ist da. Schnell zerplatzen meine hochtrabenden Gedanken an Smillas Ziel, tatsächlich war sie nur auf der Suche nach einer Möglichkeit um an Spaghetti-Eis zu kommen.

In meinem Bauch ist noch ein Lückerl für ein Stückerl.

Pumuckl

Würde uns Smilla eine Antwort geben können auf die Frage, was sie auf diese Reise mitnehmen möchte, dann wäre es ganz sicher Erna. Erna ist ihr Schaukelpferd und sie liebt nichts mehr, als sich darauf schwungvoll und wild quietschend hin und her zu werfen. Es ist eine Freude, dies mit anzusehen. Mit ihr über den Teppich zu reiten ist die erste und letzte Aktion des Tages. Man muss nur den Namen “Erna” aussprechen und schon springt sie auf. Mitnehmen können wir sie leider wirklich nicht, denn Erna würde sogar die riesen Kapazität der ORTLIEB Back-Pro Classic übersteigen. Kurz haben wir darüber nachgedacht, Rollen an die Kufen zu montieren und das Holzpferd in Schlepptau zu nehmen. Mit diesem Gespann würden wir jedoch an einer Gesamtlänge von 4m kratzen und bräuchten wohl noch den Führerschein Klasse BE. Erna bleibt also zu Hause und Pottwal kommt mit. Smilla ist dennoch zufrieden und freut sich schon auf das Schaukeln in ihrem Bakfiets-Kindersitz. Auf der Bank gegenüber sitzt Rosalie und hat ein Auge auf sie. Meist schlummert sie dabei friedlich weg und wer weiß, vielleicht träumt sie ja von unbekannten Inselarchipeln in den Gewässern vor Indonesien, während wir mit ihr erst einmal peu à peu in Richtung Österreich rollen.

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