Aufbruchsstimmung

Nach der Reise ist vor der Reise und so handelt dieses unvollständige Resümee leider nicht von Löwen und Leoparden, sondern von Tipps und Tricks, wie man vielleicht sein eigenes kleines Abenteuer gestalten könnte. Die Mädchen würden gerne Großkatzen sehen und ich muss kleinlaut zugeben, dass ich auf unserer Lastenradreise damit nicht dienen konnte. Gefallen hat es ihnen dennoch und ich kann trotzdem schonmal recherchieren, ob es irgendwo in Afrika holländische Campingplätze gibt.

Der Regen plätschert gegen das Fenster und holt meine Gedanken zurück ins hier und jetzt. Ich sitze im Zimmer meiner Tochter Rosalie, das wegen Corona notdürftig in ein Homeoffice umfunktioniert wurde. Sie musste ausziehen, nein, nicht ins Zelt. Obwohl ihr das wahrscheinlich das allerliebste gewesen wäre. Auf diesen 8qm haben wir unsere Piratenschwestern-Lastenradreise geplant. Deckenhoch stapelten sich hier die Ortlieb und Globetrotter Pakete. Wollte man an eine Steckdose gelangen, um die in Anzahl und Kapazität übertriebenen Powerbanks zu laden, musste man sich mit dem Ultraleichthammer eine Schneise durch die kartonbraunen Berge schlagen. Manche, die unsere Reise verfolgten, mögen behaupten wir hätten vielleicht zu wenig Zeit für Routenplanung, Gewichtsoptimierung und Planung im Allgemeinen aufgewendet. „Kann schon sein“ könnte eine Antwort lauten. Eine andere würde sich jedoch damit auseinandersetzen, dass wir dafür genau unser richtiges Maß an Energie und Zeit, à la Pareto-Prinzip, investierten: mit 20% des Aufwands, lassen sich transpirationsoptimierte 80% der Ergebnisse erreichen. Für alles darüber hinaus, greifen wir auf etwas zurück, was wir „Universalvertrauen“ nennen. Das hat nichts mit Naivität oder Faulheit zu tun, sondern mit Kraft und Optimismus. Geprägt wurde diese Haltung u.a. durch eine Dienstreise, die mich Anfang des 21 Jh. in den Iran führte. Ich habe damals versucht Extrusionsmaschinen (die haben nichts mit dem Atomprogramm zu tun, glaube ich) zum Laufen zu bekommen. Erfolglos. Nicht weil die Dinger so schwer anzuwerfen wären, sondern einfach nur weil grundlegende Dinge wie Wasser, Druckluft oder Strom fehlten. Jeden Morgen betrat ich das Fabriksgelände, immer mit derselben Frage auf den Lippen: „Gibt es heute etwas Neues?“. Die Antwort war immer dieselbe: „In schā‘ Allāh“ – so Gott will. Ins österreichische übersetzt: „A des wird scho“. Nach zwei Wochen nahm ich einen letzten Schluck Chai und reiste unverrichteter Dinge ab.

Vertraue dir selbst

Manche benötigen eine umfangreichere Planungsphase und fühlen sich erst wohl, wenn alle Übernachtungen der nächsten drei Wochen vorgebucht wurden. Sie wollen bereits jetzt wissen, welchen Geschmack der Müsliriegel haben wird, der ihnen am Pass trotzdem nicht genug Energie verleihen wird, um den Anstieg zu schaffen. Andere stopfen ein einziges T-Shirt in die Satteltasche, merken dann 5min vor der Abfahrt, dass der Vorderreifen platt ist und fahren erstmal die ersten 3h in die falsche Richtung. Sie kommen in einen Regenschauer, halten an um sich umzuziehen, nur um festzustellen, dass sich das falsche T-Shirt als echtes Geschirrtuch entpuppt. Wir liegen irgendwo dazwischen, hatten auf der Reise sowohl Geschirrtücher als auch T-Shirts dabei und fühlten uns damit sehr wohl.

Finde deinen eigene Kunst zu Reisen, mache alles in deinem Wohlfühltempo und bleibe bei deiner Art der Vorbereitung. Hierbei gibt es kein Richtig oder Falsch, lass dir nichts aufschwatzen und lass dich nicht aus der Ruhe bringen. Vor allem nicht von wohlmeinenden Nachbarn, die über ein Bambusrückrat verfügen und deren Horizont einem vernagelten Nudelsieb ähnelt. Wenn du eine Idee hast, geh da raus und lasse dich darauf ein. Es wird klappen. Hab Vertrauen und für bissige Vierbeiner ein Pfefferspray dabei.

Rhythmus

Zu unserer Verblüffung, hat sich bereits nach wenigen Tagen etwas eingestellt, was sich Alltag nennt. Die Mädls haben morgens meist zwischen 7-8 Uhr (Inga sagt bereits gegen 6 Uhr und dass nur ich das nicht gemerkt hätte) ihre Köpfe aus den Schlafsäcken gesteckt und zu frühstücken begonnen. Die zweitbeste Eigenschaft einer guten Zeltplane mit 5000mm Wassersäule ist, dass sich auch frisches Rührei gut abwischen lässt. Darauf folgten Anziehen, Zähneputzen und ein campingplatztypisches Schauspiel, dem „Walk of shame“. Überwiegend angegraute Männer in peinlich engen Hawaiihemden, zogen mit verstohlenen Blicken graue, schwere Kunststoffboxen auf Rädern hinter sich her. Irgendwo neben den Sanitäranlagen entsorgten sie deren Inhalt im Kanal und rangen sich ein gequältes Lächeln ab. Erleichtert und mit frischen Brötchen ging es zurück zum Wohnmobil und zur Frau. Derweil kümmerten wir uns um das Einrollen der Schlafsäcke und Matten, Zelt abbauen, Räder beladen, Kinder einfangen, Pferde streicheln, Steine in den Bach werfen, Kinder aus dem Nachbarzelt holen, Espresso trinken, Banane essen, Fruchtriegel essen, Nüsse essen, Knabberstangen essen, alte Brötchen essen, Sonnencreme auftragen, Kinder suchen, Sonnenhüte 25x aufsetzen, Kinder in Richtung der Fahrräder bugsieren, reinsetzen, anschnallen und losfahren. Bis 10-11 Uhr waren auch diese Kleinigkeiten erledigt und wir radelten tatsächlich los.

Für Smilla ging es meist direkt ins Land der Träume und auch Rosalie startete die Etappe oft mit einem entspannten Nickerchen. Gegen 12-13 Uhr suchten wir einen gemütlichen Platz für die Mittagspause, kauften eine Kleinigkeit ein und machten es uns auf einem Spielplatz oder an einem der Flüsse gemütlich. Ausgiebiges Mittagessen, herumtollen und spielen, stand nun für die nächsten 2-3h auf dem Programm. Wir entschieden auch immer erst in der Mittagspause, wie weit wir heute noch fahren wollten. Das Tagesziel wurde abhängig von der Schwere der Beine, möglicher Regenwolken, von überdrehten/übermüdeten Kindern oder von der nächsten Eisdiele gewählt. Smilla verabschiedete sich sogleich in den 1-2h langen Nachmittagsschlaf und wir strampelten dem Tagesziel, meist einem Campingplatz, entgegen. Gegen 18Uhr stand das Zelt wieder, Fusilli schlugen aufgeregt Saltos im kochenden Salzwasser und die Mädchen tollten auf der Zeltwiese umher. In umgekehrter Reihenfolge wiederholte sich das kontrollierte Chaos des Morgens und gegen 20Uhr wurde es stiller im Zelt. Noch eine Geschichte, ein paar Pixie-Bücher und die Augen wurden schwer.

Anpassungsfähigkeit

Beobachtungen haben in den letzten Wochen eine sehr große Rolle gespielt, haben sie doch dazu beigetragen, diese Reise zu einem einmaligen Erlebnis werden zu lassen. Rosalie hat Tiere beobachtet, die mehr oder weniger anteilnahmslos die Landschaft schmückten, Smilla hat unser Essensangebot beobachtet, Inga hat alle und alles beobachtet und ich habe meist deren Fahrrad beobachtet. So konnte ich mitansehen, wie die Mädels Dinge, die sie als Ballast und somit als unbrauchbar einstuften und nicht mehr haben wollten, während der Fahrt links und rechts über Board gehen ließen. Fuhr ich hinter ihnen, konnte ich noch Schadensbegrenzung betreiben und alles wieder aufsammeln. Jedoch war das nicht immer der Fall und so kam es auch, dass unsere Materialdecke immer dünner wurde, je näher wir unserm Ziel kamen. Als schwerwiegendsten Verlust hatten wir eine Vaude Trinkflasche zu beklagen, deren Abstinenz erst auffiel, als wir alle Durst hatten. Hier eine unvollständige Liste an Ausrüstungsgegenständen, die wir meinten, eingepackt zu haben, aber nie aufgetaucht sind oder die uns während der Reise verlassen haben:

  • Die erwähnte Trinkflasche
  • Fahrradhandschuhe von Inga (Sie war nie wirklich traurig darüber, da sie nicht vorhatte die zu tragen und sie die Handschuhe auch nur mir zuliebe gekauft und mitgenommen hatte)
  • Meine Fahrradhandschuhe (Ich dagegen habe sie wirklich vermisst, da ich sie jeden Tag getragen habe)
  • Shampoo & Campingmesser
  • Pixie-Bücher
  • Smilla‘s Stofftier-Äffchen & Bernsteinkette
  • Inga‘s Sonnenhut
  • Rosalie’s Lieblingsglitzersocken & ebenfalls die Fahrradhandschuhe

Dinge gehen verloren und gerade mit Kindern lässt sich das nicht vermeiden. Man kann nicht für alles immer Ersatz dabeihaben. Nicht mal, wenn man wie wir 121kg mehr oder weniger sinnvolle Ausrüstungsgegenstände mit uns in den Fahrrädern herumkutschieren. Irgendetwas fehlt immer. Wir haben es in den kritischen Momenten daher mit cremigem Erdbeer- und Stracciatella-Eis versucht. Mit etwas zartschmelzendem am Gaumen konnten wir uns wieder auf das wesentliche konzentrieren und kreative Lösungen finden. MacGyver wäre sehr stolz auf uns gewesen. Wer MacGyver ist? Nein liebe Rosalie, das ist nicht einfach nur ein Opa, der Vokuhila trägt. Der Mann ist ein Schweizer Messer auf Beinen. Was ein Schweizer Messer ist?

Contenance

Sachsen-Anhalt hat sich für uns als sehr widersprüchlich dargestellt. Einerseits sind wir über viele überraschende und schöne Dinge gestolpert, wie z.B. wunderbare Weinberge inmitten des Landes. Andererseits gab es aber leider auch viel Schatten, wie z.B. unverschämte Autofahrer. Die haben scheinbar ein persönliches Problem mit Fahrrädern auf Straßen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob man gerade, gemeinsam mit einem Eichhörnchen, auf der 26m breiten Fahrbahn weit und breit das einzige Lebewesen ist. Gnadenlos wird man vom Gegenverkehr! von der Straße gehupt. Reflexartig spannten sich bei mir in diesen Momenten sofort die Ansatzsehnen zweier Finger und machten sich bereit, ein unübersehbares und leicht verständliches Signal zu senden. Ich bewegte also meinen kleinen Finger zum Daumen, sodass sich die Fingerkuppen berührten. Genau in diesem Moment, als sich der Aggressor auf gleicher Höhe befand, benetzte ich die beiden zusammengefalteten Fingerkuppen mit der Zunge und positionierte sie am Ende des Nasenrückens, genau zwischen den Augenbrauen. In diesem Sekundenbruchteil konnte ich sehen wie die Gesichtszüge meines Gegenübers zu entgleisen begannen, rechnete er doch mit dem guten alten Stinkefinger und machte sich ebenso für einen Gegenschlag bereit. Jetzt war meine Zeit gekommen. Ich schärfte meinen Blick, der „Blue Steel“ ähnelte, dem Signatur-Look von Zoolander und bewegte nonchalant die Finger, wie einen sich aufspannenden Zirkel auseinander und strich dabei mit meinen feuchten Fingerkuppen die Augenbrauen glatt. Sein Hass verdampfte mit einem Wimpernschlag und kondensierte in verwirrter Ratlosigkeit. Hatte er gerade wirklich gesehen, was er gesehen hatte? Kann das sein? Darf das sein?

Never wrestle with a pig. You both get dirty and the pig likes it.

Quellenangabe umstritten

Nimm dich in Acht

Dieses großartige Abenteuer hat uns gezeigt, dass es eigentlich nur einen Fehler zu vermeiden gilt. Nämlich die Ideen- oder Planungsphase nie abzuschließen und schlussendlich nie loszufahren. Deswegen möchten wir dich an dieser Stelle ermutigen, deinen Träumen nachzujagen, deinen Wünschen nachzufühlen und dich bei der Umsetzung nicht von Besserwissern lähmen zu lassen. Ungefragte Ratschläge erhältst du an jeder Straßenecke, das echte Leben findest du dort jedoch nicht. Atme tief ein und schließe die Augen, lass die kribbelnde Abenteuerlust in dir aufsteigen und erlaube es dir, dich von ihr mitreißen zu lassen. Ich verspreche dir, wenn du deine Augen wieder öffnest, siehst du die Welt mit anderen Augen.

Danke, dass du uns auf unserer Reise begleitet hast

Möchtest du noch mehr von den Piratenschwestern wissen? Dann kannst du dich auf ein Buch freuen, dass in den nächsten 6 Monaten erscheinen soll. Auch werden 300GB GoPro-Videodateien noch in ein audiovisuelles Spektakel umgewandelt, das in Q2/2022 bei Globetrotter in Hamburg seine Premiere feiern wird. Die fahrstil Weihnachtsausgabe kann ich dir ebenso ans Herz legen, wird sie doch eine schöne Reportage unserer Reise enthalten. Alle Neuigkeiten dazu findest du immer auf dieser Seite.

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