Momentaufnahmen

Seit ein paar Tagen sind wir jetzt an unserem Ziel in Windischgarsten angekommen und wurden sehr herzlich von der Familie empfangen. Nur sehr langsam lässt mein Oberschenkelmuskelkater nach. Meine Beine fühlen sich so an, wie die von Hermann Maier 1998 in Nagano, nachdem er seinen brachialen Sturz in der Abfahrt abgefedert hatte. Defacto hatte ich mehr Reisetage mit Muskelkater, als Tage ohne. Ich bewege deshalb aktuell wieder mehr meine Finger und möchte euch an verschiedenen Reisemomenten teilhaben lassen.

Ein typischer Vormittag, die Mädchen machen es sich kurz nach der Abfahrt in ihrem rollenden Kinderzimmer gemütlich und sind ganz gespannt, was heute auf sie zukommen mag. Für beide gibt es noch eine keine Jause und langsam rollen wir los. Am leicht zur Seite geneigten Kopf von Smilla ist bereits erkennbar, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie einschläft. Wir fahren vorbei an älteren Menschen und jüngeren Müttern, die augenblicklich ihre Köpfe nach uns und unserem Gespann verdrehen. Die meisten bemerken erst beim zweiten Hinsehen, dass sich in der Babyschale auch noch ein zweites, kleineres Kind befindet. Wir erwidern die verstohlenen Blicke mit einem zwinkernden ‚Moin‘, bevor Smilla endgültig in das Land der Träume gleitet.
Von Passau bis Aschach wird die Donau in ein enges Flussbett gezwungen, links und rechts von steilen Abhängen begrenzt. Erst hier in der Nähe von Linz wird sie wieder freigegeben und kann ihren Weg gemächlich in Richtung Schwarzes Meer fortsetzen. Eine Schönheit, dieser Strom. Die Tage radelnd neben ihr zu verbringen, gehörten zu den Highlights.
Einer unserer wenigen Abschnitte mit Regen. Wenn es hochkommt, haben wir im letzten Monat, während wir auf den Fahrrädern saßen, 4h im Regen verbracht. Kaum zu glauben.
So sieht die hochgerüstete Grenzanlage zwischen Österreich und Bayern aus. Grenzübertritte bitte nur zwischen 06:00 – 22:00, danach verbietet das der gute Brauch und die weiße Hinweistafel.

Wir können hier nicht anhalten. Das ist Fledermausland.

Fear and Loathing in Las Vegas

Es sind die Menschen, die eine Reise zu einem außergewöhnlichen Erlebnis machen. Die, mit denen man unterwegs ist, die, denen man zufällig begegnet und die, die extra irgendwo hingefahren kommen, um einen, ein Stück des Weges zu begleiten. Jürgen gehört zur letztgenannten Gruppe. Wir schlenderten gemeinsam durch die schöne Altstadt von Bayreuth und philosophierten über das Sein, das Werden und strahlungsschirmende Isolationsschichten bei Elektroinstallationen im Haus. Mit manchen Menschen passts einfach.
Die vielfältige Schönheit, die uns umgibt, lässt mich immer wieder staunend zurück.
Ich beobachtete Rosalie, wie sie sich am Oedtsee im seichten Wasser einen kleinen Stein nach dem anderen sucht und beginnt, eine Spur damit zu legen. Rund um sie tobten die Kinder im Wasser, Eltern riefen durcheinander und der Johann vom Buffett pries lautstark seine letzten Maurerforellen an. Rosalie interessierte das alles nicht. Fein säuberlich platzierte sie ein Steinchen neben dem anderen, ganz so, als gäbe es in diesem Moment nichts Wichtigeres auf dieser Welt. Gibt es für sie wahrscheinlich auch nicht, nur wir Erwachsenen haben immer schon den nächsten Schritt im Kopf und vergessen zu oft, einfach den Moment zu genießen. Ich gab mir also Mühe und beobachtete ihr Tun. Schön langsam regte sich jedoch der Feinschmecker in mir und ich wollte gerne die Frische und Qualität der Zutaten, die Zubereitung, den Geschmack und auch Innovation, Kreativität und persönliche Note der Maurerforelle am Buffett überprüfen: „Rosalie, möchtest du ein Eis?“. Und schon hatte ich für uns beide den nächsten Moment gefunden, dem wir uns schleckend und rohe Zwiebeln kauend hingeben konnten.
„Ghetto Faust“ für Johannes, meinem Patenkind. Am letzten Tag der Reise radelte er uns mit Opa Tauni entgegen und sie fingen uns bereits kurz nach unserem Start, in Kirchdorf/Krems ab. Unsere morgendliche Abfahrt hat über die gesamte Reise hinweg meist gegen 10:30 Uhr stattgefunden. Manchmal gab es noch Pferde zu füttern oder es wurde das Zusammenrollen der Schlafsäcke sabotiert, irgendetwas hat die Abreise immer verzögert. Wir sind also irgendwann dazu übergegangen, es als normalen Bestandteil des Morgens zu sehen und haben es ab diesem Zeitpunkt genoßen.

If you want something in this life, reach out and grab it.

Christopher McCandless aka Alexander Supertramp

„Arbeit ist das halbe Leben“, für diesen Spruch fanden wir auf der Reise eine Vielzahl von Belegen. Scheinbar steckt es in uns Menschen, etwas mit den Händen zu erschaffen, Dinge zu erledigen und das Umfeld nach den eigenen Vorstellungen zu formen. Auch Smilla greift intuitiv zur Gießkanne und ahmt die Bewohner:innen der Lucky-Stable-Ranch nach, die sich hier einen bunten Platz zum Leben, Arbeiten und Faulenzen geschaffen haben.
Dort, wo die Teichl in die aufgestaute Steyr mündet, quert der Kremstalradweg und gibt einen imposanten Blick auf das Sengsengebirge frei. In meiner Jugend hab ich viel Zeit auf diesen Gipfeln verbracht und mit ein bisschen Wehmut blicke ich zurück auf diese schönen Tage. So wie der Angler in seinem kleinen Holzboot hier draußen den Naturgewalten von Wind und Wetter ausgesetzt ist, so kommt es mir auch oft mit dem Leben vor. Man hat eine Idee, versucht vielleicht einen bestimmt Kurs einzuschlagen und wird von Zufällen, Gegebenheiten und Chancen durch den Strom des Schicksals manövriert. Eine Windböe verjagt meinen nächsten Gedanken und ich genieße den Blick von hier oben. Es wurde wirklich wieder Zeit heimzukommen. Auch wenn ich in Hamburg glücklich & zuhause bin und mich auch die Jahre davor rund um den Globus herumgetrieben habe, so wird dieses Stück Erde immer einen besonderen Platz haben.
Wir haben in 32 Tagen an die 32 verschiedenen Spielplätze besucht, vielleicht auch mehr. Wie Tankstellen für Autos, sind sie als Auftankstellen für Kinder über das ganze Land verteilt und auch in den kleinsten Dörfern findet sich irgendwo wenigstens eine Schaukel oder Rutsche.
Wo wollen wir heute schlafen Rosalie? „Im Zelt natürlich!“ Tatsächlich haben wir ca. 70% der Nächte auf Campingplätzen verbracht. Meist befand sich gegenüber der Zeltwiese ein Spielplatz, oft genug gab es eine Badestelle und das Buffett war auch nie weit. Auf unseren, für Wintertouren geeigneten Isomatten, schliefen die Mädchen tief und fest und die Nächte waren deutlich entspannter als in den Hotels. Von denen machten wir umso öfter Gebrauch, je näher wir Österreich kamen. Entweder war der nächste Campingplatz zu weit entfernt oder der Himmel öffnete abends noch seine Schleusen. Das ein oder andere Kleinod hat sich aber auch darunter befunden und in Regensburg haben wir in einer ganz besonderen Bleibe übernachtet.

Schreibe einen Kommentar