Warum Piratenschwestern?

Hamburger*innen haben so ihre Probleme damit, den österreichischen vom schweizerdeutschen Dialekt zu unterscheiden. Für sie ist alles südlich der Elbe Norditalien und trägt man Lederhosen, kommt man aus Bayern. Bayern wiederum entspricht ebenfalls der Fläche von Norditalien. Diese Stereotypen bieten den optimalen Nährboden, für die aufsässigen Ideen hinter den Piratenschwestern.

Es war an einem frühen Morgen und muss um das Jahr 1710 gewesen sein, als sich Edward Teach das beißende Salz von den trockenen Lippen wischte. Er hatte auf dem Deck geschlafen und die Augen klebten noch zusammen wie Kautschuk. Blinzelnd sah er, wie sich hinter der Île de la Tortue die gleißende Sonne aus dem schwarzen Ozean erhob und ihm wie heiße Nadelstiche in sein ledergegerbte Gesicht brannte. Der Gaumen des Matrosen war staubtrocken. Wegen einer Lappalie war ihm auch noch die Rumration gestrichen wurde. Im 18. Jhdt. wurden die Kriegsschiffe der Royal Navy oft als ‘schwimmende Höllen’ bezeichnet, bemannt mit zum Dienst gezwungenen Seeleuten. Die Hierarchie an Bord war streng und klar geregelt, die Offiziere speisten sich zum größten Teil aus dem Adel und die einfachen Seeleute meist aus der Unterschicht. Nur wenigen aus dem Proletariat gelang der Aufstieg. James Cook war einer von ihnen, Edward Teach nicht. Aber auch er nahm irgendwann sein Glück selbst in die Hand und wurde zu ‘Blackbeard’, dem wohl berühmtesten Piratenkapitän. Piraten nahmen sich auch schon damals was sie wollten und pfiffen auf die Regeln, die sich irgendwelche Gießkannen in ihren Faschingsuniformen für sie ausgedacht hatten. Benötigten Sie Arzneimittel zur Behandlung von Skorbut, plünderten sie einfach die Laudanum Vorräte einer ganzen Stadt. Sie lehnten sich gegen das starre Korsett der Monarchie auf und führten ein selbstbestimmtes Leben in Gesetzlosigkeit, wie Robin Hood, nur ohne Strumpfhosen.

 Das Problem ist nicht das Problem. Das Problem ist deine Einstellung zu dem Problem. Verstehst du?

Captain Jack Sparrow

In Hamburg wurden gerade die Parkgebühren für Autos von 2,00€ auf 2,50€ pro Stunde erhöht. Ein riesiger Aufschrei hallt noch immer durch die Stadt. So heftig, als ob den Bewohnern auch die tägliche Rumration gestrichen worden wäre. Es gibt zwar sowieso keinen Platz mehr, um die auf Pump finanzierten Blechkisten irgendwo abzustellen, trotzdem wird gejammert und immer nehmen ihnen ‚die Anderen‘ oder ‚die da Oben‘ die Parkplätze weg. Warum versuchen sie nur, sich mit dem System zu arrangieren und stellen es nicht in Frage? Warum nehmen so wenige ihr Leben selbst in die Hand und hinterfragen die Dinge? Warum haben alle ständig Angst vor allem? Warum lässt sich ein Großteil der Gesellschaft so treffend mit dem Begriff der ‘Konsumgesellschaft’ verunglimpfen? Ist es das eine große Ziel des Lebens, die Wohnung, den Keller und noch zusätzlich angemietete Garagen voll mit Zeug zu haben, das man nicht braucht, eigentlich nicht will, man sich nicht leisten kann und von dem man oft gar nicht mehr weiß, dass man es überhaupt besitzt? Warum ist es so schwierig, seine Komfortzone zu verlassen, seine Gewohnheiten zu hinterfragen und zu neuen Ufern aufzubrechen?

Ich habe keine Antworten auf diese Fragen bzw. muss diese Antworten wahrscheinlich jeder für sich selbst finden. Worauf wir jedoch Antworten hatten, waren viele Fragen, die wir in den letzten Monaten von unserem Umfeld zu hören bekommen haben.

Ein kleines Best-of:

  • Auf einen berufstätigen Arzt kommen etwa 203 Einwohner1, jedes Dorf ist statistisch gut versorgt, wir können mit den Kindern jederzeit einen Arzt aufsuchen. Selbst wenn wir uns bei der Martin-Luther-Kirche in Travenbrück eine Schürfwunde im Gesicht zuzögen, wäre der nächste Hausarzt nicht weit entfernt.
  • Wären wir Kinder, würden wir auch nicht jeden Tag 10h in einer Holzkiste sitzen wollen, um als Vehikel zur Selbstverwirklichung unserer Eltern dienen zu müssen. Genau aus diesem Grund tun wir das auch unseren Kindern nicht an. Sie geben uns den Reise-Rhythmus vor.
  • Bitte nicht reinbeißen Smilla Smutje Allesfresser, das ist eine Kellerassel.
  • Klatschmohnfelder befinden sich nun mal nicht in der Stadt und Inga hat noch nie eines gesehen.
  • Wenn es regnet, ziehen wir eine Regenjacke an. Wenn es zu heiß wird, ziehen wir die Regenjacke wieder aus.
  • Bei den gängigsten Todesursachen2 spielt Radfahren keine große Rolle, ganz im Gegenteil, fürchten sollten sich eigentlich diejenigen, die Zuhause mit Chips vor dem Fernseher sitzen (und dann auch noch auf ausreichend Fingerhygiene verzichten) oder Menschen, die sich in die ‚Obhut‘ eines Krankenhauses begeben.
  • Wenn wir nicht mehr wollen oder können, bleiben wir stehen. Wenn es zu steil wird, dann schieben wir. Wenn wir auch das nicht mehr schaffen, werfen wir uns auf den Boden und schreien um Hilfe 😉
  • Wenn wir keinen Bock mehr auf Zelt oder Campingplatz haben, dann gehen wir ins Hotel. Wenn wir darauf keine Lust mehr haben und die Mädchen nicht mehr mitspielen, steigen wir in den Zug und fahren zurück nach Hamburg.
  • Wenn uns das Essen vom Gaskocher nicht mehr schmeckt, dann kaufen wir uns etwas bei einem der 70.6193 Restaurants des Landes.
  • Wir brauchen keine Zusatztanks, wir fahren durch ein hochindustrialisiertes Land, in dem es möglich ist alle 0 bis 6.2 PKW-Fahrminuten4 einen Supermarkt zu erreichen.
  • Nein, wir sind keine Bayern, Lederhosen werden auch in Österreich getragen. Und ja, ich weiß, südlich der Elbe verschwimmt für Hamburger*innen die Landkarte zu einem gleichförmigen Brei.
  • Ja, das sind meine Beine und nein, auch eine Frau kann ein schweres Lastenrad fahren.
  • In dieser Richtung geht’s zum Kiez, aber Elbschlosskeller ist noch zu. Goldener Handschuh auch.

Wenn ich hungrig war, dann aß ich. Wenn ich müde war, dann schlief ich und wenn ich, sie wissen schon, dann ging ich.

Forrest Gump

Die Bezeichnung Piratenschwestern haben wir gewählt, weil wir damit eine Unangepasstheit, Wildheit und Rohheit ausdrücken möchten. Genauso wie Kinder sind, rebellisch, pur, übermütig, sie halten sich nicht an Regeln, sind mutig, haben keine Angst und probieren Dinge einfach aus. Selbst wenn es Eis zum Frühstück ist. Sie wollen Spaß haben, mit Wasser rumspritzen, lachen, die Sonne sehen und sich geborgen fühlen. Das Brechen von Konventionen bleibt für sie ein Leben lang gleich wichtig und das Selbstvertrauen, das zu tun, entspringt eher keiner englischen Beamtenstube, wo nur Perücken gebügelt werden. Eine kleine Brise Piratentum hat noch keinem geschadet.

In diesem Moment fliegt die Tür zum Büro auf, Rosalie stürzt herein und springt in meine Arme. Smilla folgt eine Pottwall-Kuscheltierlänge dahinter, sie klettern auf den Schreibtisch und beginnen die Tastkdfg asdfhga==((/(&!$%$§&%%)(ufzw  zu435z87w fdiuz3486340 dsaz87asdjhatur zu bearbeiten. Aus der Ferne höre ich Inga rufen, ob mich die Kinder auch arbeiten lassen und nicht unerlaubterweise ins Büro eingedrungen sind. Während mir die Beiden quietschend & gackernd den Schreibtisch in Schutt und Asche legen, lehne ich mich zurück und beginne mit einer Hand unter dem Schreibtisch herumzukramen. Irgendwo hier muss doch meine Piratenklappe liegen.

Quellenverzeichnis:

1https://aok-bv.de/hintergrund/dossier/aerztliche_versorgung/index_15339.html#:~:text=Auf%20einen%20berufst%C3%A4tigen%20Arzt%20kamen,3%20Prozent%20auf%20114.857%20gesunken

2https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Todesursachen/Tabellen/gestorbene_anzahl.html;jsessionid=58217C30DD0FEBD7E75E572898376240.live741

3https://de.statista.com/themen/137/gastronomie/#:~:text=Aktuell%20gibt%20es%20in%20Deutschland,Vergn%C3%BCgungslokale%20und%20etwa%2011.700%20Caf%C3%A9s.

4https://www.landatlas.de/wohnen/nahversorgung.html

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