Wir stechen in See

Alles wurde gesagt und noch viel mehr gepackt, jetzt kommt es auf uns und unser Material an. Wie sich herausstellt, haben wir uns dabei unprofessioneller als Kevin Pannewitz angestellt und so schicken wir nach einer Woche 28kg Gepäck zurück nach Hamburg und setzen unsere Reise leichtgewichtig fort in Richtung Brandenburg.

„Vleeskroketten met frietjes“ empfiehlt mir der holländische Kellner und grinst dabei schelmisch. Hannes nimmt „Frikandel Speciaal“. Wie es aussieht, sind wir auf dem exterritorialen Campingplatz Elbeling gelandet, der scheinbar noch zu den Niederlanden gehört. In dieser Enklave ticken die Uhren etwas anders und so gehen unsere Bestellungen in feinstem holländisch über die Theke, ohne dabei genau zu wissen, was wir eigentlich gerade bestellt haben. Allgemein lässt sich die Küche der Deichbauexperten mit zu fett, zu viel Fleisch, zu viel Pommes, zu viel Mayo & Ketchup und als zu lange frittiert beschreiben. Ich habe mich trotzdem auf die Empfehlung eingelassen und freute mich vorweg über einen gesunden Salat, der in reichlich Speckwürfel-Dressing ertränkt und somit unschädlich gemacht wurde. In Nicaragua habe ich mich schon einmal auf ein ähnliches Experiment eingelassen. Dem Spanisch nicht mächtig, zeigte ich in einem Restaurant auf Corn Island auf eine beliebige Stelle in der Speisekarte und wartete ab. Serviert wurde eine Suppe in einem eimergroßen Teller, in dem Fischinnereien schwammen. Ich habe also noch eine Rechnung zu begleichen.

Die Fleischkroketten mit Pommes waren leider auch keine Geschmacksoffenbarung und neben der zu Tode frittierten Teighülle, erinnerte die gelbliche Füllung leicht an getrockneten Kaktus. Vor meinem geistigen Auge sah ich schon den Kellner, wie er sich mit der Köchin über uns amüsierte und sich einige Bitterballen mit Bier runterspülte. Wieder wurde meine kulinarische Offenheit schamlos ausgenutzt, na warte nur du Frettchen, du bekommst schon noch dein Fett. Dazu musste ich jedoch das Schlachtfeld wechseln und ihn aus seiner Komfortzone holen, mal schauen, wie gut du mit den Besonderheiten der deutschen Sprache zurechtkommst. Auf seine Frage hin, wie es uns denn schmeckte, antworte ich süffisant „Nette Kork-Kroketten“. Ich blickte in seine Augen und wartete ab, ob er merken würde, dass ich ihm soeben ein Satzpalindrom untergeschoben hatte. Nichts dergleichen, stoisch räumte er ab und machte sich von Dannen. Jetzt wunderte mich nichts mehr und es wurde klar, dass nur solch ordinäre Wesen im Stande waren, Kettenkästen in Lastenrädern einzubauen, die kein Ausländer öffnen konnte, ohne sich dabei die Haut, wie frittierten Blätterteig von den Fingern zu schälen. Seis drum. Hauptsache, ihr habt beim Bau unserer Bakfietsn alles ordentlich zusammengeschraubt und auch langlebige Fahrradreifen verwendet.

It has to start somewhere, it has to start sometime. What better place than here, what better time than now?

Zack de la Rocha – Chefphilosoph von Rage Against The Machine

Nun war es soweit und ein kleiner Hauch von Revolution umwehte uns, als wir am Sonntag den 13.6., in unser Abenteuer starteten. Verabschiedet durch unsere Nachbarschaft, sollte sich noch die ein oder andere Träne auf die kalten Altonaer Pflastersteine ergießen, während wir gemächlich gegen 9:30 Uhr aus dem Innenhof gen Süden rollten. Henning gab uns Starthilfe und geleitete uns bis zum Zollenspiecker Fährhaus. Dort setzten wir über nach Niedersachsen und machten es uns die erste Nacht in der Nähe von Winsen/Luhe, im Garten von Louisas Oma gemütlich. Louisa begleitete uns bis Mittwoch, aber nicht alleine, da sie erst 3 Jahre alt ist. Deshalb kam ihr Vater Hannes auch mit. Hannes ist ein sehr erfahrener Fahrradreisender und Experte für Outdoorausrüstung und Fahrräder aller Arten. Er fährt ein ziemlich heißes Eisen, das auf den Namen Bullitt (RIP Steve McQueen) hört und aus der Kopenhagener Lastenradschmiede von ‚Larry vs. Harry‘ stammt. Dieses messerscharfe Zweirad erinnert an einen BMW M3, während wir uns mit zwei schwimmenden Citroën CX Youngtimern fortbewegen. Seine entgleisenden Gesichtszüge verraten mir sofort, was er von unseren Kisten hält: Nichts! Es kommt noch schlimmer, von manchen Anbauteilen hat er noch nicht einmal etwas gehört und so schleicht er um unsere Rollerbrakes, wie eine Katze um das Vogelnest. Okay denke ich mir, dann kann ich ihn bestimmt mit meiner großartigen Ausrüstung von Globetrotter beeindrucken. Kann ich nicht. Alles ist entweder zu schwer, zu groß, zu lang, zu umständlich, kommt nicht in Pastellfarben oder ist einfach nicht universell genug einsetzbar. Ein Ass habe ich aber noch im Ärmel und ich präsentiere stolz unsere Outdoormöbel von Helinox. Er scheint interessiert und sein Mundwinkel zieht sich tatsächlich ein Stück nach oben, als sich das Gestänge der Stühle wie von selbst zusammenzubauen scheint. Er nimmt Platz und sein innerer Optimierungsradar scannt jeden Millimeter dieser Aluminium-Polyester-Komposition. Ein wohlwollendes Nicken erfüllt mich mit Pfadfinderehre, doch nicht ganz auf der Nudelsuppe dahergeschwommen zu sein (Übersetzung). Mit meinem nächsten Handgriff packe ich unseren Doppelflammengaskocher mit massivem Unterboden aus und Hannes fällt fast vom Ultraleichtstuhl. So schnell verliert man alle Credits, die man gerade noch mühsam aufgebaut hat. Er lacht nur noch über unser Gepäck und zeigt mir, wie es die Profis machen. Seine Isomatte für billiges Geld passt in einen 5l Tiefkühlbeutel und seine andere Isomatte für teures Geld passt in seine Hosentasche, knistert nur aufgeblassen leider etwas. Unsere Isomatte muss in einem 72l Seesack verstaut werden und die zweite Isomatte in einem anderen 72l Seesack.

Mittagspause am Hof Eggers. Noch reisen wir mit zu viel Gepäck, nur Henning nicht.

Als wir am ersten Morgen unsere Köpfe aus dem Zelt stecken, waren Hannes und Louisa bereits wach, geweckt durch die knisternde Isomatte. Kalt war ihnen auch etwas, da diese teure Matte einen R-Wert = 0 (das ist ein Maßstab für den Wärmedurchgangswiderstand eines Materials) besitzt und somit eine ähnliche Isolationsfähigkeit wie Esspapier aufweist. Unsere Isomatten haben einen R-Wert = 4.5. Auch nicht optimal, da wir auf der Tour keine winterlichen Bedingungen von -17°C erwarten.

Inga hat für Rosalie & Smilla zwei Kinderwagensonnenschirme an die Holzkiste des Bakfiets montiert, damit sind die beiden gut vor der Sonne geschützt und sorgen allerorts für begeisterte Blicke.

Ganz im Gegenteil, das Wetter meint es gut mit uns und die Sonne wird zu unserer dauerhaften Begleitung. Auch Rosalies und Smillas Stimmung könnte besser nicht sein, sie fühlen sich wohl und gleiten an den grünen Elbdeichen entlang, wie ein Sampan durch die glitzernden Lichter vor Shanghai. Ist es einmal mit der Geduld nicht mehr so weit her, helfen geschmackslose Knabberstangen, Fruchtriegel, Äpfel, Bananen und Brötchen jeglicher Art. Nur Matjes schmeckt nicht. Die meiste Zeit aber bestaunen sie die vorbeiziehende Landschaft und blicken gespannt auf Schafe, die friedlich auf den Deichen grasen oder erspähen beeindruckende Rotmilane, hoch oben über den Elbwiesen. Die meisten Kilometer legen wir in den Schlafenszeiten von Smilla zurück, am Vor- und Nachmittag jeweils 1-2h. Rosalie bettet dann meist ihren Kopf gemütlich auf Pottwal und schließt sich dem Nickerchen an. Inga und ich wechseln in dieser Zeit kaum Worte, sondern strampeln drauflos und versuchen Kilometer zu machen.

Die Mädchen probieren sich an den Fahrrädern aus, während wir direkt am Elberadweg eine kleine Pause einlegen.

Bei Temperaturen um die 40 Grad ist es jedoch vorbei mit der Radlerei und wir dürfen uns ab dem 17.6 bei der wunderbaren Lissi in Gartow einquartieren. Sie nennt ein kleines Gebäudeensemble aus Rotklinker ihr Eigen, das sich um einen beschaulichen Innenhof verteilt. In der Einfahrt wird man von einer imposanten Esche begrüßt, die um die 200 Jahre alt ist und deren Stamm einen Umfang von 7m misst. Das macht sie zur dicksten oder zweitdicksten Esche von ganz Deutschland. Ich kann dieses prächtige Naturdenkmal nur jedem ans Herz legen, ganz Besonders Opa Tauni. Lissi ist übrigens die Mutter von Insa und Insa ist die Kindergarten-Erzieherin von Rosalie. Aufgrund Insas Empfehlung konnten wir den Großteil der Hitzewelle in einer kühlen Ferienwohnung neben einem schattigen Garten mit Trampolin, Baumhaus und Atommüllfassattrappen verbringen. Ein wahrlich schönes Fleckchen Erde, mit ganz besonders lieben Menschen obendrauf. Danke Lissi & Insa!

Die mächtige Esche bei Lissi in Gartow. Das gelbe X ist omnipräsent im LK Lüchow-Dannenberg und steht für ‚Gorleben ist überall. Tag X – wir stellen uns quer‘.

Höhepunkte, Tiefpunkte und Skurriles der ersten Tage:

  • Bei genauer Durchsicht des von mir eingepackten Werkzeugs stelle ich fest, dass ich so ziemlich alles dabei habe, um den Sicherheitszaun rund um das Atommüllzwischenlager Gorlebens zu demontieren. Da meine Neigung für derlei zivilen Ungehorsam eigentlich sehr ausgeprägt ist, geht der Schraubenschlüssel hier aber an der Mutter vorbei. Für eine Fahrradtour ist meine Werkzeugkiste wahrlich ungeeignet und während ich den erhobenen Zeigefinger von Hannes in der flirrenden Hitze zu erkennen meine, beschließe ich seinen Rat zu befolgen und unser Gepäck beträchtlich zu reduzieren.
  • Jeder Campingplatz verlangt einen Corona-Selbsttest, der unter Aufsicht durchgeführt werden muss. Manche Campingplätze gehen so weit, dass ihnen auch das zu wenig ist und sie nur offizielle Tests akzeptieren. Das Sinnhaftigkeitsfass will ich an dieser Stelle nicht öffnen, die Holländer auch nicht, halten sie einem einfach nur einen Zettel unter die Nase, auf dem man selbst ankreuzen kann, ob man Corona hat oder nicht. Wir haben Nein angekreuzt.
  • Rosalie hat keinerlei Berührungsängste mit den Menschen um uns herum. Akribisch arbeitet sie die Zelt- und Wohnmobilnachbarn in Klein Kühren ab, zeigt allen stolz ihr Woom Fahrrad, präsentiert elegant getrocknete Flusskrebse, die sie an der Elbe gefunden hat, ordert beim Bäcker mehrere Schokocroissants und schickt uns bestimmt weg, wenn sie ihre Geschichten noch nicht allen fertig erzählt hat.
  • Von der Eiscafé-Terrasse aus belausche ich zwei ältere Damen, wie sie etwas irritiert unsere Fahrräder begutachten. Sie kommen zum Schluss, dass diese vollbeladenen und zerlumpten Räder nur Obdachlosen gehören können und ziehen zufrieden weiter.
  • Ingas Brille übersteht den Tag auch eingepackt und zusammengerollt in der Seitentasche des Innenzeltes.
  • Am ersten Tag machen wir unsere Mittagspause ungeplant am Hof Eggers. Hier haben wir uns vor nicht ganz 2 Jahren das Jawort gegeben und schwelgen in rosaroten Erinnerungen.
  • Unser Campingnachbar aus Berlin hat es nicht leicht, hat er doch seine Frau mitgebracht. Am 16.6. verbringen wir ca. 18 Stunden auf dem Campingplatz in Dannenberg, davon haben wir 8h geschlafen, also nichts mitbekommen. Die restlichen 10h hat seine Frau damit verbracht, ihn lautstark zur Schnecke zu machen. Eine Hecke und mehrere Meter Abstand haben nicht dazu beigetragen, dass sich ihre beißenden Schallwellen bis zur Unverständlichkeit abschwächen. So wurden wir gezwungenermaßen Ohrenzeugen einer 19-jährigen Beziehungsabrechnung, wobei der kleinste gemeinsame Nenner anscheinend 60 Marlboros am Tag waren. Wir konnten noch nicht abschließend klären, wer mit diesem Bund den schlechteren Deal eingegangen war. Sie, weil er anscheinend eine Valium-Tablette, ein Waschlappen, als Freund ok aber als Partner eine langweilige frigide & verklemmte Niete ist, sich selbst klein macht und endlich mal aus sich rauskommen muss, damit sie noch was erleben kann. Oder doch er, weil sie aussieht wie die Hansa-Rostock Legende Mike Werner.
  • Bei einem spontanen Halt an einem kleinen Pferdehof, dürfen die Mädchen nicht nur die Pferde streicheln, sondern sogleich aufsitzen und losreiten.
  • Rosalie fragt nicht mehr, wann wir endlich bei Oma Gabi sind. Bisher kannte sie nur Anreisen mit dem Auto oder per Flugzeug, wir erreichten Windischgarsten also immer am selben Tag. Am ersten Tag der Reise war sie noch irritiert, als wir stehen blieben und damit begonnen haben unser Zelt aufzubauen, offensichtlich ohne dabei bei Oma Gabi angekommen zu sein. Diese Irritation ist jetzt einer logischen Erkenntnis gewichen: Wenn wir in Hamburg losfahren, ist die Landschaft flach, dann kommen die Hügel, später irgendwann die Berge und schließlich sind wir da. Die ersten Hügel hat sie bereits gesehen.
  • Es gibt zwei Sorten Menschen. Die, die anpacken und helfen und die, die sich vordrängeln. So geschehen auf der Fahrradfähre nach Hitzacker. Wie es sich gehört, stellen wir uns mit den schweren und vollbepackten Lastenrädern an und warten darauf, dass wir die Räder über eine schmale Brücke an Board bugsieren können. Ein Blinder mit einem Krückstock kann erkennen, dass wir dazu eine Minute mehr benötigen, dass für alle aber ausreichend Platz auf der Fähre vorhanden ist und keiner zurückbleiben muss. Dennoch drängelt sich ein dreistes Paar vor und verlangsamt dadurch den Beladevorgang erheblich. Von oben blicken sie schließlich anteilnahmslos auf uns herab und warten genervt darauf, dass die Fähre endlich ablegen kann. Ich weiß nicht, was mich schlussendlich mit mehr Zufriedenheit erfüllt, dass der Kapitän und ein Rennradfahrer (Danke Jungs!) sofort zupacken und mithelfen, oder dass wir dann dicht an dicht an Board stehen, sodass sich die außen am Gepäck befestigte Tüte mit Smillas vollen Windeln, buchstäblich zwischen das Drängler-Paar schiebt und bei dieser Hitze ganze Arbeit leistet.

90 Prozent der Menschen sind zu 100 Prozent Trotteln.

Josef Hader – Österreichischer Karbarettist
Rosalie hilft bei der Reparatur des Hinterrades tatkräftig mit.

Wir haben uns gut eingegroovt und kommen voran, aktuell legen wir im Schnitt rund 30km am Tag zurück. Das ist etwas zu wenig, um es rechtzeitig nach Österreich zu schaffen. Ausgebremst wurden wir unter anderem von unserer ersten Reifenpanne. Auf dem Weg nach Klein-Holland hat sich der Mantel vom Fahrradreifen abgelöst und Ingas Bakfiets fing an zu schlingern. Hannes legte einen Husarenritt hin, um noch rechtzeitig vor Ladenschluss einen neuen Reifen zu bekommen. Jetzt war die Stunde der Wahrheit gekommen und wir mussten an den Kettenkasten ran. Mit proaktiv schmerzenden Fingern lösten wir das Kunststoffungetüm dass die Kette umfasst, um an das Rad zu kommen und schafften es überraschend gut. Schwaden von Fleischkroketten-Frittierfett umgaben uns, während wir inmitten des Elbeling Campingplatzes das Bakfiets wieder fahrtüchtig machten und uns dabei schworen, nie wieder so ein Fahrrad anzufassen. Mal schauen wie lange dieser Schwur hält.

Auch der Kellner wurde auf uns aufmerksam, schlenderte rüber und bedachte uns mit einem „Hollandräder, na, etwas Besseres gibt es nicht, jede Reparatur ein Selbstgänger!“. Dieses Oxymoron konnte ich so nicht auf mir sitzen lassen und schleudert ihm ein „Euer holländisches Essen, na, was Besseres gibt es nicht!“ zurück. Auch dieses Oxymoron bemerkte er nicht.  

Unsere chronologische Reiseroute findet ihr hier und ein kurzes Zeitraffervideo, von unseren letzten Metern nach Wittenberge gleich hier unten.

Wir bugsieren unsere Bakfietsn über die enge Eisenbahn-Elbbrücke Wittenberge.

6 Kommentare

Ihr Lieben!
Wir denken jeden Tag an euch und fiebern mit euch mit.
Liebe Grüße aus dem Innenhof und weiterhin toi toi toi 😉

Genau so war es!
Hoffentlich ist die Optimierungskurve bzgl. Ausrüstung noch steiler als das Höhenprofil, welches vor euch liegt.

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