Testfahrt

Vom 30.05 – 31.05 verbrachten wir unsere erste Nacht im Zelt, bei Camping ‚Tante Henni‘ in Hasloh. Wir wollten Mensch und Material testen um herauszufinden, ob unser Unterfangen nicht einem kompletten Himmelfahrtskommando gleicht. Gute Nachricht: das tut es nicht!

Rosalie hat mein Fahrrad ‘Boomerang’ getauft und das von Inga ‘Chica Linda’. Mit lautem Getöse ziehe ich an ihnen vorbei und Rosalie schreit wie wild: “Los Chica Linda, schneller, das machst du ganz toll, du kannst das schaffen! Jaaaaaaa!!”. Inga tritt so fest es geht in die Pedale und unsere Pferde liefern sich eine wilde Verfolgungsjagd, lauthals angespornt durch die Jubelschreie unserer obersten Piratin und untermalt von der quietschenden Smilla Smutje.

Die Pferdenamen stammen aus Rosalies aktueller Lieblingsserie ‘Spirit’. Sie geht ganz in dieser Welt auf und lässt sich nur zu gerne vom Sog des wilden Westens, der Indianer, Cowboys und Mustangs mitreißen. Unsere eigene Pferde Sammlung umfasst inzwischen sicher auch schon an die 20 Tiere, begleitet von weiteren gefühlten 100 anderen Exemplaren, aus jeder Gattung und für jeden ist etwas dabei. Seit Neuestem sind auch Einhörner darunter. Die können zaubern und verhelfen sogar Krokodilen zu ungeahnten Höhenflügen über die Gipfel der Sofaberge. Am liebsten spielen sie alle Verstecken und meist muss der Girafferich (ich), die versprengte Herde wieder aus den Polsterhöhlen zusammensuchen.

Man darf nicht verlernen die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen.

Henri Matisse

Wir halten an einer Koppel und beobachten die Augen der Mädchen, die augenblicklich zu leuchten beginnen. Wir schieben ganz nah an den Holzzaun ran, sodass sie die weichen Nüstern der Pferde berühren können. Smilla ist hin & weg, viele Pferde hat sie in ihrem Leben noch nicht gesehen und Rosalie ist im siebten Pferdehimmel. Mehr geht nicht. Da war er schon, einer dieser Momente, auf den wir uns freuen und von denen wir überzeugt sind, dass ganz viele davon auf unserer Reise auftauchen werden. Diese natürliche Freude, die aus dem tiefsten Herzen kommt und für die es nichts braucht, außer dass man von den richtigen Menschen umgeben ist und vielleicht die Windel nicht gerade voll ist. Gerade sind wir auf dem Weg nach Hasloh, wo wir auf dem Campingplatz ‘Tante Henni’ unser Zelt aufschlagen werden und die Nacht verbringen wollen. Wir haben bereits alles dabei, was es auch für den eigentlichen Tourstart in zwei Wochen braucht. Vorne sitzen die Mädchen in ihrer Holzkiste in einem Meer aus Kuscheltieren, Decken, Schuhen, Büchern, Knabberstangen und Trinkflaschen. Von ihrer Kommandobrücke aus beobachten sie, wie sich die Umgebung von einem dicht bebauten Stadtkern gemächlich in eine Einfamilienhausperlenkette verwandelt. Meter um Meter werden die Abstände zwischen den Häusern größer und wir bejubeln den Moment, als wir die Stadtgrenze hinter uns lassen. Hamburg hat generell einen recht dörflichen Charakter und so weit draußen hat man nicht mehr das Gefühl, dass man sich eigentlich in einer Millionenstadt befindet. Die Häuser werden von bunten Feldern abgelöst und die Straße verwandelt sich mehr und mehr in eine kleine Schotterpiste, die uns bis zum Campingplatz leitet.

Pferdekoppeln säumen unseren Weg von Hamburg nach Hasloh. Das ist kein Mustang, sondern ein Haflinger habe ich mir sagen lassen.

Eigentlich bin ich ja Lufthanseat und in diesem Unternehmen arbeiten ausschließlich rational denkende Menschen, die zur exakten Positionsbestimmung erst einmal eine fundierte SWOT Analyse durchführen. Anschließend werden konkrete Maßnahmen analysiert und priorisiert. Das geschieht vorzugsweise in einer Excel-Tabelle. Ich habe von Kollegen gehört, die eigene Dating-Excel-Listen pflegen. Über komfortable Filterungsmöglichkeiten kann so eine Lokal gefunden werden, das den perfekten Rahmen absteckt, um den aktuellen Anforderungen zu genügen und Zielen näherzukommen: Preisspanne, Dating-Zweck, Atmosphäre, Entfernung von Zuhause, Intimitätsfaktor, um nur einige Attribute zu nennen. Cluster können ebenfalls gebildet werden. Da ich mich in einer Reihe mit diesen nüchtern denkenden Projektmanagern im Schatten des Kranichs sehe, werde ich unsere Testfahrt ebenso der Vernunft entsprechend bewerten. Ich führe eine Nutzwertanalyse durch und subtrahiere am Ende die negativen Ereignisse von den positiven Erkenntnissen und ist das Ergebnis > 0, fahren wir.

Was ist schief gegangen oder hat nicht ganz so toll geklappt:

  • “Das holen sich die Vögelchen”, stellt Rosalie fest, als ich den angebrannten Milchreis im kleinen Waldstück gleich hinter unserem Zelt entsorge. Wir müssen zurück an den Start und mit dem Abendessen von vorne beginnen. Aber den Topf können wir hierfür kein zweites Mal verwenden, befindet sich doch eine dicke, schwarze Kruste am Boden. Wir haben den neuen Primus Gaskocher und das Kochgeschirr heute zum ersten Mal verwendet und dabei herausgefunden, dass man das Gasventil wirklich nur 3mm öffnen sollte.
  • Das Zelt bauen wir heute bereits zum zweiten Mal auf. Schon vor Wochen gab es ein Soft-Opening bei uns im Garten und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dass wir damals auch für jede Schlaufe einen Hering hatten. Heute nicht.
  • Bei diesem Soft-Opening haben wir auch noch festgestellt, dass das nigelnagelneue Innenzelt Löcher aufweist. Nach kurzer Rücksprache und dem Einräumen eines nennenswerten Rabatts, haben wir uns mit dem Lieferanten darauf geeinigt, dass wir das Familienzelt behalten. Meine tolle Reparatur-Idee hat leider nicht so wirklich funktioniert, die Zuschnitte des selbstklebenden Moskitonetzes kleben nicht selbst.
  • Eine fehlende Zeltplane am Boden des Vorzeltes führt zu viel Kondenswasser an der Innenseite des Zeltes und das Aufstellen des Zeltes direkt am Waldrand wird von diversen Insektengroßfamilien als persönliche Einladung interpretiert, hereinzukommen.
  • Merke: Die Himmelsrichtungen haben tatsächlich etwas mit dem Aufstellplatz und mit der Ausrichtung des Zeltes zu tun. Es ist auch möglich, einen Zeltplatz so zu wählen, dass man sich um 21 Uhr nicht mehr auf den einzigen Quadratmetern des gesamten Campingplatzes befindet, der noch von der Sonne angestrahlt wird und den Kindern suggeriert, dass noch keine Schlafenszeit wäre.
  • Auch Ende Mai können die Nächte noch kalt sein, also mehr Klamotten für uns und die Kinder einpacken. Manchmal lohnen sich sogar Wechselklamotten. Und Rosalie bekommt noch einen eigenen Kinderschlafsack. Unsere Rechnung, dass sie zu uns unter den Doppelschlafsack schlüpfen kann, ist nicht aufgegangen.
  • Den Kindern bereits zu Beginn sagen, dass sie nicht auf den vollgepackten Taschen herumspringen dürfen. Klopapier in flacher Form muss ansonsten händisch 2x gekippt werden, um eine einzige vollständige Abrollumdrehung zu schaffen. Auch bei Milch wäre uns wichtig, dass sie in der Milchpackung bleibt, die Ortlieb Taschen sind nämlich auch von innen dicht und schwarz. Erwärmen sich also ganz ordentlich in der prallen Sonne.
  • Unsere täglichen Kilometer spulen wir nur zur Schlafenszeit von Smilla ab, das bedeutet, dass wir morgens bereits gegen 9 Uhr aufbrechen müssen.
  • Der Sonnenschutz für die Kleinen ist im Bakfiets noch nicht ausreichend. Zusätzlich benötigen wir noch einen separaten Sonnenschutz auf den Campingplätzen, d.h. es muss noch eine Strandmuschel angeschafft werden und auf das bereits gefährlich schwankende Lastenesel-Bakfiets obendrauf gepackt werden.
  • Komoot ist eine gemeine Mistapp: Genau wenn die Kinder am lautesten heulen und man dringend losfahren muss und will, zwingt es einen erst noch, das “Die Welt” Paket abzuschließen und 19,99€ zu berappen, damit die Navigationsansicht wieder freigegeben wird.
  • Spülmittel und Müllsäcke stehen in einem praktischen Zusammenhang und es wäre blöd, wenn man das eine oder auch das andere nicht dabei hätte. Wir hatten beides vergessen.
  • Ein Feuerzeug ist sehr hilfreich, um die Hitze des Gaskochers zu entfachen. Hatten wir ebenfalls vergessen.
  • Inga packt für diese eine Nacht bereits 4 Großpackungen Windeln (~120 Windeln) ein und will ein größeres Töpfchen aus Emaille mitnehmen, damit Nachts niemand das Zelt verlassen muss.

Was war schön und hat Spaß gemacht:

  • Es passt tatsächlich alles, was wir mitnehmen wollen, auf die beiden Räder und wir haben sogar noch etwas Luft nach oben. Auch das Fahrverhalten ist ok, wobei ich auf meinem Rad bestimmt um die 80kg Gepäck transportiere und Inga mit den Kindern + Gepäck, auch nicht viel weniger zu bewegen hat.
  • Das Ortlieb Rack-Pack ist genial, es sieht nicht nur schick aus, sondern nimmt nochmal eine ordentliche Menge an Klamotten auf und ist sehr widerstandsfähig. Sogar Rosalie kann sich vollständig hineinsetzen und lässt sich darin lässig durch die Gegend tragen.
  • Das nahe Zwitschern der Vögel am frühen Morgen, nur eine dünne Zeltplane von uns entfernt.
  • Rosalie & Smilla laufen während des Aufbauens des Zeltes kreuz und quer über den Campingplatz und haben ihre Freude an den Käfern, Sträuchern, Blumen und Knabberstangen.
  • Die schmecken immer und zu jeder Uhrzeit und beruhigen so manche übermüdete Passagierin.
  • Unverbrannter Speck mit Ei zum Frühstück unter dem blauen Himmel bei den ersten Sonnenstrahlen ist nur schwer zu überbieten. Dazu Kakao und für den Papa die matschige Banane von gestern.
  • Rosalie freut sich spitzbübisch, dass sie abends noch mit uns vorm Zelt sitzen darf und nicht, wie Smilla, schon schlafen muss. Außerdem hilft sie bei allem mit, will alles wissen und ihr ist nie kalt.
  • Auf der Rückfahrt machen wir Halt im Eiscafé und Rosalie schafft alleine 3 Kugeln. 
  • Zurück in der Wohnung sagt sie mir noch, dass sie lieber im Zelt schläft als in ihrem Bett. Bei Inga verhält es sich genau umgekehrt.
  • Ich bin zuversichtlich, dass ich mit dem bereits gefährlich schwankenden Lastenesel-Bakfiets und dessen drei Gängen bis nach Österreich komme. Viel steiler als in der norddeutschen Tiefebene wird es im Süden auch nicht mehr.
  • Inga hat das große Bakfiets mit den Mädls drinnen, sehr gut im Griff und auch dessen sieben Gänge sollten reichen, um bis nach Österreich zu kommen.

Es ist Zeit für die Endabrechnung. Moment, ich zähle nach…13 Punkte auf der Seite mit Verbesserungspotential und 11 Punkte in der Spalte mit den Dingen, die bereits hervorragend sind. Nach aktuellem Stand fahren wir also nicht.

Moment. Stopp. Es fehlt noch die Gewichtung der aufgezählten Punkte und ein Fazit:

Egal was Mathematik oder Managementlehre sagen mögen, wir haben es bereits gespürt, dieses Gefühl von Freiheit. Als uns der Fahrtwind um die Ohren saust und die Mädchen von der Schönheit der vorbeiziehenden Landschaft immer leiser werden und mehr und mehr verstummen. Mit jedem Tritt lässt die Anstrengung nach, die Muskeln entspannen sich und der Mund formt sich zu einem ich-kann-es-gerade-nicht-glauben Lächeln. So, als könnte dieser Moment für immer andauern. Eine innere Ruhe und Zufriedenheit kehrt ein. Man blickt in die Gesichter und jeder scheint zufrieden und glücklich zu sein. Wir vier sind im Flow und nirgends auf dieser Welt wären wir jetzt lieber.

Was nie wirklich zur Debatte stand, ist entschieden: Voller Vorfreude werden wir am 13.6 in unser Familienabenteuer starten.

1 Kommentar

“Los Chica Linda, schneller, das machst du ganz toll, du kannst das schaffen! Jaaaaaaa!!” Könnte auch Lina auf ihrem Farrad sein 😉

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