Jolly Roger aka Roland

Ich war schon früh ein Ganzjahres-Fahrradfahrer und auch im Winter ging es mit dem Rad zur Schule. Mit Skibrille für mehr Durchsicht und mit Draht um die Reifen gewickelt, für mehr Haftung auf den verschneiten Fahrbahnen. Die Familienlastenradreise mit den Piratenschwestern setzt die lange Tradition der unkonventionellen Vorhaben nur konsequent fort.

Opa Tauni wußte schon immer, auf welchen Wegen man garantiert keine andere Menschenseele trifft. In tiefen, mannshohen Latschenwäldern versunken, versuchten wir uns vorzustellen, wie dieser ‚Jagasteig‘ wohl vor 20 Jahren ausgesehen haben mag, als er noch als Trampelpfad erkennbar und demnach auch begehbar war. Solche Randnotizen interessierten jedoch nicht und deshalb kämpften wir uns durch diese lebensfeindliche Landschaft und bezahlten die Direttissima mit zerschundenen Knien und blutigen Waden. Auch am Gleinkersee fanden wir uns immer auf der Liegewiese wieder, die von allen anderen Badegästen gemieden wurde. Möglicherweise lag das an den Kühen, mit denen wir uns das Handtuch teilen mussten oder an den knietiefen Schlammlöchern, die von den wiederkäuenden Paarhufern hinterlassen wurden. Hatte man die erfolgreich umschifft, war der Weg zum Ufer endlich frei. Der Lohn dieser Strapazen war der besondere Zugang zum Wasser an dieser Seite des Sees, sammelten sich doch am Grund die alten Blätter des letzten Herbstes und die vermoderten Äste und Bäume des letzten Jahrhunderts.

Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.

Albert Einstein

Ich schätze, dass meine Zuneigung für schräge Dinge im Allgemeinen und noch schrägere Menschen im Speziellen, aus dieser Zeit herrührt. Möglicherweise hat sich das auch auf meine eigene Persönlichkeit ein klein wenig niedergeschlagen. Zum Beispiel achte ich beim Aussteigen einer U-Bahn immer darauf, dass die Spitze meines Schuhs bereits den Bahnsteig berührt und gleichzeitig die Ferse aber noch Kontakt zum Wagen hat. Ich steige praktisch direkt auf den Spalt zwischen U-Bahn und Perron. Nicht, dass ich Angst hätte irgendwie runterzufallen, nein, es geht mehr um den Gedanken, dass es die Anderen eher nicht machen. Dieser Aspekt hat bei meinen Reisen immer wieder eine Rolle gespielt, aber nicht nur.

Schon früh wollte ich hinaus in die Welt, um herausfinden, was sich hinter den Bergen des Windischgarstner Tals befindet. Heinz M., unser damaliger Geographielehrer hat etwas mechanisch versucht, uns die Topografie der Erde näher zu bringen. Ich war schon interessiert, jedoch nicht genau an seinem uninspirierenden Lehrstoff. Statt des geforderten Auswendiglernens der größten österreichischen schiffbaren Flüsse, vertiefte ich mich lieber in die Karte der USA und malte bereits damals mit dem Filzstift eine Reiseroute ein, die ich 13 Jahre später tatsächlich abfahren würde (Shoutout an Martin an dieser Stelle). Ich habe nie verstanden, wie es jemanden kalt lassen kann, nicht wissen zu wollen, was sich hinter dem nächsten Berg, dem nächsten Hügel, der nächsten Straße, dem nächsten Dorf, der nächsten Stadt, Land, Meer, Ozean, Kneipe oder Kontinent befindet. In meinem Kopf hatte ich den Planeten Erde mit 12 Jahren bereits mehrmals umrundet und vollständig bereist. Lange bevor ich tatsächlich dort war, habe ich bereits die Luft von Teheran und Chennai geatmet. Ihr müsst einmal darauf achten, jedes Land hat seinen eigenen Geschmack. Haltet direkt beim Aussteigen aus dem Flugzeug eure Nase in den Wind und nehmt einen tiefen Zug. Die Hitze der Stadt, der Geist der Kultur, der Duft des Essens und der Klangteppich der Menschen verbinden sich zu einem unverwechselbaren Aroma. Na gut, in Teheran und Chennai waren es eher Luftverschmutzung und der Dreck der Straße, die für einen beißenden ersten Geschmackseindruck sorgten.

Weitere mir wichtige Aspekte meiner Reisen waren Einfachheit und Unabhängigkeit, jeden Tag aufs Neue entscheiden zu können, welche Richtung man heute einschlägt. Oft ging es direkt vor der Haustüre los, manchmal auf den eigenen zwei Beinen mit einem Rucksack, zeitweise mit dem Zelt auf einem Motorrad und selten mit einem Snowboard in einem Flugzeug nach Miami. Dieser Flug war der Auftakt zur bereits angedeuteten Reise quer durch die USA und es kam alles anders als gedacht. Aus heutiger Sicht möchte ich diese Erfahrung auf keinen Fall missen, denn auch Rückschläge gehören zu einem bunten Leben dazu. Ein Ford Econoline sollte es damals sein, mit 5,7l Magermotor und 8 donnernden Zylindern. Verbrauch ca. 30l auf 100km bei Rückenwind und Heimweh und ein Lenkungsspiel wie ein alter Kohlefrachter. Dieser feuchte, automobile Traum kam zwei naiven Jungs noch teuer zu stehen, mussten wir doch bereits nach wenigen Wochen das Benzin-inhalierende Ungetüm aus Detroit mit Motorschaden für 1/10 des ursprünglichen Kaufpreises wieder abgeben. Diese Einnahmen reichten schlussendlich auch nur noch für drei große Bier-Pitcher in Las Vegas und selbst am Roulettetisch erwies sich unsere todsichere Strategie zur Rettung des Reisebudgets, als Rohrkrepierer. Fassungslos schauten wir dem Croupier hinterher, während er unsere letzten Dollarscheine salopp im Geldschlitz des Tisches verschwinden ließ (Shoutout nochmal an den Martin). Nach drei Monaten mussten wir niedergeschlagen und pleite den Heimweg antreten und dann gab es während des Rückflugs auch noch Chips ohne Feuchttücher. 

Miami im Januar 2005: Große Pläne und ein schlechtes Händchen. Die Snowboards waren für Kanada gedacht. Eine ein- bis zweijährige Reise über den nordamerikanischen Kontinent endete jäh nach drei Monaten.

Inga macht sich immer über mich lustig, wenn ich mir nach dem Chips essen die Hände wasche, da ich mit den übrig gebliebenen Gewürzen auf meinen Fingern nicht klar komme und mich erst wieder wohl fühle, wenn sie mit Seife abgewaschen wurden. Für mich die normalste Sache der Welt und komplett unverständlich, wie man mit dem schmierigen Zeug auf den Fingern nicht verrückt werden muss. Ich bin schon gespannt, wie wir das auf dieser Reise hinbekommen und vielleicht packe ich besser noch ein Extrastück Seife ein. Inga hat vollstes Verständnis für meine divenhaften Attitüden und auch bei Rosalie und Smilla sind bereits ihre eigenen Marotten erkennbar, die ich sehr süß finde. Unterschiede sind die Würze der Menschheit und machen unser Leben erst wertvoll. Wäre jeder wie ich oder Opa Tauni, wäre auf der Kuhwiese neben dem See kein Platz mehr und von den Latschenwäldern nichts mehr übrig.

Jetzt geht es von der Elbe bis zum Rettenbach. Ich freue mich sehr auf dieses Abenteuer mit meiner Familie und kann es kaum erwarten, loszuradeln. Das erwähnte Einprägen der Flüsse hätte mir auch heute nichts gebracht, da der eine Fluss nicht durch Österreich fließt und der andere nicht schiffbar ist. Das stimmt so nicht ganz, lässt sich der Rettenbach mit dem aufgeblasenen Schlauch eines Traktorreifens doch wunderbar befahren. Wäre diese Gewässereigenschaft schon damals Teil des Lehrplans gewesen, könnte ich noch heute jeden schiffbaren Fluss dieser Erde rückwärts buchstabieren.

1 Kommentar

Griaß Eich Fam Popp. Respekt, Respekt und nu amoi Respekt. I bin vor Jahren mit Alex Zauner nach Oldenburg gfoahrn. Allerdings mit weniger Wetterglück. Mia taugt so a Familie wias ihr sads. Auf dem Foto heit in da Rundschau san deine Dirndl oba gaunz sche Mama bezogen. Wird se nu ändern. Am liabstn warad I Eich entgeng gfoahrn, woarn oba bei eicherer Ankunft in Kroatien. Vielleicht sehng ma uns amoi in Hamburg. Elisabeth und I woin nu amoi hinauf. Ois Guade für de Zukunft. Hans

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